#homeschooling: Alles digital, echt jetzt?

Es ist wahrscheinlich DER offensichtliche Lerneffekt dieser Zeit: Das homelearning oder homeschooling funktioniert! Corona wurde medienwirksam – und mit einem Augenzwinkern – als DIE Weiterbildungsmaßnahme überhaupt gepriesen.

Wirklich? Tut es das? Ist sie das? Und was bedeutet eigentlich “homeschooling” oder “homelearning” wirklich?

Das Thema “Digitale Schule” ist ein sehr komplexes Thema. Von denen, die sie schon immer wollten, gibt es Lob und High-Five: “Endlich ist es so weit!” Von denen, die die Digitalisierung immer schon skeptisch gesehen haben, Kritik und Sorge: “Bitte nicht!”.

Aus meiner Sicht ist an beiden Perspektiven etwas dran; die digitale Schule ist kein Entweder-Oder-Modell, sie ist ein Sowohl-Als-Auch-Modell. Es gibt Gefahren und Probleme, es gibt Chancen und einen Gewinn – in jedem Fall sind Digitalisierung und eine veränderte Lernkultur Teil eines grundlegenden Veränderungsprozesses, dem wir uns nicht entziehen können.

Skepsis: Die Verlage überschlugen sich in der frühen Corona-Zeit, die Mailfächer liefen über mit Angeboten und eher gut gemeinten als guten Ideen, der Aktionismus und die Not waren Hand in Hand groß und heftig. Die Frage stand (und steht im Raum): Was bedeutet digitale Schule und digitales Lernen eigentlich? Arbeitsblätter als PDF-Dokument und Handyfotos von Arbeitsblättern sicherlich nicht. Eine weitere Sorge war (und ist): Wie erreichen wir die Kinder und Familien, die keine modernen digitalen Endgeräte haben? Ob man es glaubt oder nicht, an dem weit verbreiteten Urteil, die Kinder können gefühlt nichts anderes mehr als Medien, ist nur begrenzt etwas dran. Vielerorts fehlen die technischen Voraussetzungen für das nun herrschende homeschooling oder homelearning. Die Gefahr besteht, dass wir Bildungsverlierer bekommen, weil das Land der Bildungsungerechtigkeit begründet in sozialer Herkunft nun eine weitere Variable aufmacht – neben ethischer Herkunft und familiärem Status bzw. monetärem Kontext nun die technische Ausstattung: Wer hat was zu Hause? Was kann sich welche Qualität der Digitalisierung privat leisten? Ein weiterer Aspekt ist der, dass Schule immer schon zur “Privatisierung” von Schule eingeladen hat: Meine Klasse. Mein Unterricht. Die aktuellen Ereignisse (Schulschließung, digitaler Unterricht, sukzessive Öffnung, halbe Klassen) forcieren diese Entwicklung. Es fehlen vielerorts Transparenz und klare Orientierung, wer was macht und wer was lernen sollte. Der Kompetenzstand der Kinder ist unklar und obliegt dem Geheimwissen der Pädagogen. Der Lernerfolg hängt also nicht mehr nur von den handelnden Personen ab – nun auch vom Stand der Technik in den eigenen vier Wänden.

Ja, Skeptiker, stimmt: Das kann nach hinten losgehen.

Lob: Es kann aber auch nach vorne losgehen. Die Robert-Bosch-Stiftung hat in einer aktuellen Umfrage (https://www.bosch-stiftung.de/de/news/das-deutsche-schulbarometer-coronakrise-zeigt-nachholbedarf-bei-digitalen-lernformaten) beleuchtet, wie es sich denn mit der Digitalisierung verhält. Sollten die Ministerien und Schulträger das nach und nach bzw. weiterhin ernst nehmen und in den gerade entstandenen bzw. entstehenden kommunalen Medienkonzepten aufnehmen, ist der Skepsis und Kritik in guter Art und Weise Rechnung getragen worden. Damit könnte man leben.

Ein meines Erachtens wesentlich Klärungsprozess sollte aber vor allem und dringend hier investiert werden: Wie füllen wir eigentlich den Begriff “Digitalisierung”? Was verstehen wir im Kontext “Lernen” und “Bildung” darunter? In meiner Wahrnehmung haben die Brillen “Technik – Informatik – Geräte” die Deutungshoheit übernommen. Spricht und liest man von “Digitalisierung”, folgt im selben Atemzug die Kritik an Datengeschwindigkeit und das Beklagen fehlender Geräte. Das ist alles richtig und es wurde in einem der reichsten Länder der Welt zu spät und schleppend reagiert. Alles andere war wichtiger. Das galt auch für Schulräume. Hier sind WC-Anlagen in beklagenswertem Zustand und die Pausentoiletten verfügen selten über Hygiene-Ausstattung – aus Angst vor Vandalismus. Der ist auch berechtigterweise beklagenswert.

Zurück zur Wortbedeutung. Was wir auch erleben, ist die in meiner Arbeit schon oftmals benannte Ent-Ortung des Lernens. Das ist Digitalisierung nämlich auch. Wir erleben im homeschooling/homelearning, dass eben nicht mehr allein in der Schule gelernt wird und die Technik es möglich machen kann, dass Schule auch an jedem anderen Platz sein kann. Was aber nicht zu ersetzen ist, ist die Beziehung und das Sprechen über das Lernen. Und genau diese Seite kommt in der ganzen Debatte viel zu kurz! Digitalisierung ist auch eine andere Haltung zum Lernen, ein neues Rollenhandeln seitens der Kinder/Jugendlichen und der Lehrpersonen. Digitale Lernkultur ist Eigenverantwortung in reiner Lehre. Und da sind die Lehrpersonen die Sparringspartner, die über ein Instrumentarium verfügen sollten, mit dem sie die Lernenden professionelle begleiten können. Damit meine ich Sprachlösungen und Handlungen auf der einen, aber eben auch Software-Lösungen auf der anderen (Digitale Lernlandkarten, Dokumentationssoftware).

In der Summe kann der Lernprozess selbstwirksamer und passgenauer gestaltet werden. Ja, liebes High-Five, in diesem Sinne stimmt es: Kann nach vorne losgehen.

In diesem Sinne: Lasst uns das eine lassen und das andere machen. Dann werden wir erfolgreich und noch erfolgreicher sein!

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